LEBEN

Krankheits-vorbeugung

Forschung  Gesundheit  Wissenschaft  

Nachfolgend lesen Sie einen Ausschnitt eines Gesprächs mit Dr. Venket Rao (Universität Toronto) in der Zeitschrift “Tomate et Santé” (Tomate und Gesundheit).

Tomate et Santé: Dr. Rao, erzählen Sie uns bitte über das spannende neue Buch “Tomatoes, Lycopene & Human Health” (Tomaten, Lycopin und Gesundheit) - Vorbeugung vor chronischen Krankheiten und ihre Auswirkung auf die zukünftige Sichtweise von Tomatenprodukten ...

Dr. Venket Rao: In den vergangenen Jahren ist die gesundheitsfördernde Wirkung von Obst und Gemüse in einer steigenden Anzahl verschiedenster wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen beleuchtet worden. Seit rund 10 Jahren steht Lycopin dabei aufgrund seiner, chronische Krankheiten vorbeugenden, Eigenschaften im Mittelpunkt des Interesses.

Das vorliegende Buch spiegelt zusammenfassend den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema wider und ist somit ein direktes Ergebnis des eben erwähnten wachsenden Interesses. Zum ersten Mal sind damit umfassende und aktuelle Informationen zu den verschiedenen Eigenschaften von Tomatenlycopin verfügbar. Wir erfahren, wie wir unsere Gesundheit schützen können: ganz einfach indem wir darauf achten, was wir essen. Spezielle Buchkapitel wurden von international ausgewiesenen Fachleuten verfasst. Das Buch ist somit von großem Interesse für Wissenschaft, Ernährungsindustrie und Gesundheitsbehörden, aber auch für Verbraucher.

Betrachtet werden verschiedene Aspekte von Tomatenlycopin und Gesundheit, einschließlich Ernährungsrichtlinien, die einen häufigeren Verzehr von pflanzlichen Lebensmitteln zur Vorbeugung von chronischen Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Diabetis empfehlen. Wissenschaftler beschäftigen sich intensiv mit der vorbeugenden Wirkung dieser Nahrungsmittel auf die Gesundheit. Im Mittelpunkt stehen durch oxidativen Stress verursachte Zellschäden, die vermutlich zur Entstehung von chronischen Erkrankungen führen. Antioxidantien spielen eine bedeutende Rolle dabei, die schädigenden Auswirkungen von oxidativem Stress zu unterbinden.

Tomate et Santé: Bedeutet das, dass ein stärkerer Verzehr von Tomatenprodukten wie Tomatensoßen oder -suppen wirklich unsere Gesundheit stärken kann?

Dr. Venket Rao: Der Buchinhalt zeigt, wie Lycopin inzwischen als chemoprotektiver Wirkstoff bezeichnet werden kann, besonders weil neuere wissenschaftliche Erkenntnisse die Krebs vorbeugende Wirkung von Lycopin als Ergebnis seiner synergistischen Wechselwirkungen mit anderen Pflanzeninhaltsstoffe diskutieren, wie Phytoen und Phytofluen, die in Tomaten und Tomatenprodukten vorkommen. Diese positiven Wechselwirkungen haben zum Begriff der “Kombinationsprävention” vor Krebs geführt.

Durch immer mehr Studien ist inzwischen erwiesen, dass eine Carotinoid-reiche Ernährung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Ein Rückblick auf verschiedene epidemiologische Studien liefert überzeugende Erkenntnisse zugunsten der vorbeugenden Eigenschaften von Lycopin. Im dem Buch wird ein neues, auf fünf Jahre angelegtes wissenschaftliches Projekt namens LYCOCARD vorgestellt, das sich umfassend und auf verschiedenen Ebenen mit der Rolle von Lycopin bei der Vorbeugung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschäftigt. LYCOCARD besteht aus 15 Partnern (Wissenschaftler, Technologen und Patientenorganisationen) aus sechs europäischen Ländern. Die Projektergebnisse sollen zu neuen Ernährungsrichtlinien führen, die eine stärkere Aufnahme von Lycopin-reichen Lebensmitteln empfehlen, besonders Tomaten und Tomatenprodukte.

Tomate et Santé: Beschäftigt sich das Buch auch mit anderen wissenschaftlichen Bereichen, die sich auf verschiedene Aspekte der Gesundheit auswirken?

Dr. Venket Rao: Eine andere chronische Erkrankung, die gegenwärtig untersucht wird, ist Osteoporose, eine häufige Erkrankung des Knochenstoffwechsels, die hauptsächlich Frauen und Männer im Alter von über 50 Jahren trifft. Ein Risikofaktor ist oxidativer Stress, der durch reaktive Sauerstoffverbindungen verursacht wird. Basierend auf epidemiologischen Studien wird Lycopin im Zusammenhang mit der Vorbeugung von Osteoporose bei Frauen nach der Menopause diskutiert. Das ist ein neues und spannendes Forschungsgebiet, das alle Menschen, die sich vor dieser “schweigenden” Krankheit schützen wollen, zu ernsthaften Überlegungen über die eigene Ernährung bringen könnte.

Einige Kapitel beschäftigen sich auch mit Bluthochdruck, der sich auf die Entstehung von koronären Herzerkrankungen auswirkt, mit oxidativem Stress als eine inzwischen erwiesene Ursache. Auch die Unfruchtbarkeit beim Mann ist ein Thema, denn aufgrund seiner Zusammensetzung ist Sperma sehr anfällig für oxidative Schäden. Eine kürzlich abgeschlossene Studie zeigt, wie Lycopin als Antioxidanz die Spermienqualität verbessern kann.

Eine neuere Entwicklung ist die Anwendung von Lycopin für Kosmetikprodukte zum Hautschutz. UV-Strahlung führt bei menschlicher Haut zu durch Photo-Oxidation ausgelösten Schäden, die sich negativ auf den Zustand und das Erscheinungsbild der Haut auswirken. Wird die Haut mit Mikronährstoffen versorgt, kann ein gewisser Lichtschutz erreicht werden. Daraus kann man schließen, dass die gesundheitsfördernden Effekte von Tomaten und Lycopin sich künftig stark auf die positive Entwicklung der tomatenverarbeitenden Industrie auswirken werden.

Tomate et Santé: Also, … welche Mengen sollten wir wirklich konsumieren, um tatsächlich einen Gesundheitseffekt zu erzielen?

Dr. Venket Rao: Da der Mensch das Lycopin nicht synthetisieren kann, muss es durch die Ernährung zugeführt werden. In der Wissenschaft herrscht Übereinstimmung, dass generell weniger Lycopin zugeführt wird als für positive Effekte notwendig wäre. Neuere Studien zeigen eine tägliche Zufuhr von 7 – 8 Lycopin mg als ausreichend an, um gegen oxidativen Stress und vor chronischen Erkrankungen geschützt zu sein. Das entspricht einem mittelgroßen Glas Tomatensaft oder einer guten Portion Tomatensoße

Tomate et Santé: Das klingt fantastisch. Bleibt die Frage, was die Zukunft hier bringen wird?

Dr. Venket Rao: Obwohl in den vergangenen 10 Jahren große Fortschritte erzielt wurden, sind einige wichtige Bereiche bisher noch nicht abgedeckt. Dazu gehören: Epidemiologische Studien zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen dem Verzehr von Tomaten, Tomatenprodukten und anderen Lycopinquellen und dem Auftreten von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose, Bluthochdruck und neurodegenerativen Erkrankungen. Untersuchungen zur Entwicklung von Tomatensorten mit hohem Lycopingehalt, die sowohl ertragreich angebaut werden können als auch unanfällig gegenüber Krankheiten und Befall sind. Studien zur Erforschung der positiven Wechselwirkungen zwischen Lycopin und pharmazeutischen Medikamenten, die zur Behandlung chronischer Krankheiten eingesetzt werden. Und - am Allerbesten! - die Erweiterung der positiven Wirkungen von Lycopin über die Krankheitsvorbeugung hinaus zur eigentlichen Behandlung von chronischen Erkrankungen wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Tomate et Santé: Dr. Rao, wenn Sie mit einfachen, nicht-wissenschaftlichen Worten beschreiben sollten, was das alles bedeutet – wie würden Sie das formulieren?

Dr. Venket Rao: Okay, ich will es versuchen, und zu den meisten im Buch diskutierten wissenschaftlichen Bereichen die entsprechenden Begriffe erklären. Einfach ausgedrückt ist die beste Metapher für die im Buch verwendeten Begriffe, wenn man sich den menschlichen Körper als Auto vorstellt. Bei einem Auto, egal von welcher Marke, kann man die gleichen physikalischen Gesetze anwenden. Das Auto altert mit der Zeit und ist im Laufe seiner Lebensdauer fortwährend den Elementen ausgesetzt.

Oxidative Stress: Oxidativer Stress (Oxidation) kann ganz einfach mit dem Rosten des Autos verglichen werden. Das Metall reagiert mit Sauerstoff und bildet ein braunes Oxid, das die Farbe beschädigt, so dass am Ende nur der Rost bleibt. Wenn man lange nichts dagegen unternimmt, hinterlässt der andauernde Prozess des Rostens ein unansehnliches Loch in der äußeren Hülle. Es ist Zeit für eine neue Tür und eine neue Lackierung. Auf den Menschen bezogen müssen wir, weil wir uns nicht einfach neu lackieren und ausbessern lassen können, andere Wege finden, den Prozess des Rostens unter Kontrolle zu bekommen.

Antioxidantien: Gewissermaßen die Anti-Rost-Behandlung für Ihren Körper. Diese kann mit vielen Nahrungsmitteln und -inhaltsstoffen durchgeführt werden, aber Lycopin ist eines der effektivsten Mittel. Tomaten, besonders verarbeitete Tomatenprodukte, enthalten auch andere Inhaltsstoffe, die zusammenwirken und so die Anti-Rost-Wirkung erhöhen.

Wirkstoffe pflanzlichen Ursprungs (“phytochemicals”): Sie stammen aus dem Abwehrsystem der Pflanze selbst gegenüber der Sonne und den Elementen. Sie sind äußerst wirkungsstark, sogar im menschlichen Körper. Dieser kann diese Stoffe jedoch nicht selbst bilden, also müssen sie durch eine gesunde Ernährung aufgenommen (gegessen) werden.

Carotinoide: Vom Ursprung her die von der Natur vorgesehene Färbung von Lebensmitteln. Lycopin gehört dazu. Beta-Carotin macht Mohrrüben orange und Lycopin macht Tomaten rot. Carotinoide sind freie Radikalfänger und damit gut sowohl für die Pflanze als auch für uns.

Freie Radikale: Dazu gehören Sauerstoff-Radikale (auch Singulett-Sauerstoff genannt) und reaktive Sauerstoffverbindungen. Aber nicht alle freien Radikale sind reaktive Sauerstoffverbindungen, und nicht alle reaktiven Sauerstoffverbindungen sind freie Radikale. Diese reaktiven Moleküle selber sind der Grund für das Rosten (den oxidativen Stress). Freie Radikale bewegen sich aktiv im Körper, immer auf der Suche nach etwas, mit dem sie reagieren können. Das ist eine schlechte Nachricht, wenn dadurch Reizungen hervorgerufen werden oder eine chronische Krankheit entsteht oder fortschreitet. Antioxidantien in der Ernährung finden und fangen (neutralisieren) diese schädigenden Moleküle, um weitere Schäden zu vermeiden. Sie können also durchaus aufgehalten werden. Der einfachste Weg dazu ist, mehr antioxidativ wirksame Lebensmittel in die Ernährung aufzunehmen.

Bioverfügbarkeit: Wenn wir also Lebensmittel mit diesen Inhaltsstoffen zu uns nehmen, wie holt unser Körper das Beste daraus heraus? Im Fall von Tomaten bricht zum Beispiel das Erhitzen (Kochen, Verarbeitung) die Zellmatrix auf, wobei die wirksamsten Bestandteile des Lycopins aufgeschlossen werden. Das heißt, wir können mehr von den richtigen Inhaltsstoffen zu uns nehmen und so in den Genuss eines höheren Gesundheitsnutzens kommen. Das ist Bioverfügbarkeit. Man muss beachten, dass die dieselben Inhaltsstoffe auch in der frischen Tomate vorhanden sind, aber sie sind aus dem verarbeiteten Produkt viel besser verfügbar. Deshalb liefert Tomatensaft oder eine schöne Tomatensoße den besten Weg, diese Inhaltsstoffe aufzunehmen.

Tomate et Santé: Vielen Dank, Dr. Rao, dass Sie sich die Zeit genommen haben, dieses umfassende und eigentlich ganz einfache Thema für uns zu erläutern. Es sieht so aus, als ob dieses neue Buch die Sichtweise auf Tomaten und Tomatenprodukte zukünftig verändern wird.

Das ist ein Lebensmittel, dass schützt und heilt, wirklich erstaunlich!!

Das Buch ist erhältlich über Caledonian Science Press, www.caledoniansciencepress.com